05.09.2017 | Im Gespräch mit Christopher Kramer

„Ich möchte meine Quote halten und zweistellig treffen“

Seit zwei Monaten lebst du nun im Bergischen Land. Wie hast du dich in der Stadt und im Verein eingelebt?
Ich kann sagen, dass ich in Wuppertal angekommen bin. Schon vor unserem Trainingsauftakt habe ich Mitte Juni mit meiner Freundin und deren Sohn eine schöne Wohnung im Zooviertel bezogen. Dann bin ich gleich als Erstes Schwebebahn gefahren und habe die Stadt ein wenig erkundet. Eine Jahreskarte für den tollen Zoo haben wir auch schon.
In der Mannschaft bin ich auch super aufgenommen worden und aus sportlicher Sicht kann ich mich auch nicht beschweren. In meinen ersten vier Pflichtspielen habe ich ein Tor im Derby bei RWE selbst geschossen und zwei Torvorlagen für unseren guten Saisonstart beigesteuert. Aber ich werde natürlich weiter an mir arbeiten, damit da noch mehr kommt.

Wo finden wir dich in Wuppertal neben dem Zoo, wenn mal kein Training oder Spiel ist?

Wir haben den Sohn meiner Freundin beim SC Sonnborn im Fußballverein angemeldet und uns dort auch direkt mit einer anderen Familie angefreundet, mit denen wir in der Freizeit viel und gerne unterwegs sind.

Du hast deine Heimat Schleswig-Holstein erstmals 2016 bei deinem Wechsel zum VfB Oldenburg verlassen. Erst Niedersachsen, jetzt NRW. Wie gefällt es dir hier in einem Ballungsgebiet?
Das ist schon toll. Ich hatte mir schon früher vorgenommen, Städte wie Dortmund oder Gelsenkirchen zu besuchen. Dass ich jetzt hier in der Nähe lebe, hätte ich mir dabei aber nicht gedacht. Es gibt viele schöne Ecken hier in kurzer Entfernung.

Du kommst ja aus dem hohen Norden von Schleswig-Holstein, bist in Kiel geboren und hast bei den Senioren insgesamt fünf Jahre beim VfR Neumünster, zwei Jahre bei Holstein Kiel und, jeweils ein Jahr beim VfB Lübeck und beim VfB Oldenburg gespielt. Was war deine sportlich erfolgreichste Station?
Persönlich war meine Saison in der U23 bei Holstein Kiel sehr erfolgreich, als ich dort in der Oberliga Torschützenkönig geworden bin. Mit dem VfB Lübeck durfte ich innerhalb eines Jahres zwei Mal den Landespokal gewinnen, wobei ich im ersten Endspiel im Derby gegen Holstein Kiel das entscheidende 1:0 geschossen habe.

Bei welchem Verein hat es dir am besten gefallen?
Meine fünf Jahre im Herrenbereich beim VfR Neumünster war meine schönste Zeit. Der VfR ist auch kein Club, der das meiste Geld hat und so überwog dort das Familiäre. Auch das Jahr in Lübeck mit den zwei Pokalsiegen war sehr schön.

In Neumünster hast du auch ein halbes Jahr gemeinsam mit deinem Bruder Timo zusammen gespielt, der ebenfalls Stürmer ist. Ein direkter Konkurrenzkampf?
Während unserer gemeinsamen Zeit habe ich dort im Mittelfeld gespielt. Wobei ich anmerken muss, dass ich in meiner Karriere schon jede Position außer Torwart gespielt habe. Mein erstes Jahr im Sturm hatte ich erst 2011 in der U23 bei Holstein Kiel. Vorher war ich zumeist auf den Außenbahnen oder im Mittelfeld auf der 10 vorgesehen. In Neumünster war ich also eher der Vorlagengeber für meinen Bruder und wir waren keine Konkurrenten um den Platz im Sturm.

Ein besonderes Spiel hast du im August 2013 im DFB-Pokal mit dem VfR Neumünster gegen den Bundesligisten Hertha BSC Berlin absolviert, welches ihr damals erst in der 120. Minute durch einen Elfmeter mit 2:3 verloren habt. Du hast in diesem Spiel den zwischenzeitlichen 2:2 Ausgleich geköpft und bist dann in der 90. Minute mit der gelb-roten Karte vom Platz geflogen. Welche Erinnerungen hast du an dieses Spiel?
Das war mein erstes DFB-Pokalspiel und dann vor fast ausverkauftem Haus, und auch wenn es nur knapp 6.000 Zuschauer waren, das war schon ein besonders Spiel für mich. Es war eine tolle Erfahrung gegen einen Bundesligisten. Witzig an meinem Ausgleichstreffer war, dass ich mir vorher im Mannschaftshotel Videos von meinem Vorbild Steven Gerrard vom FC Liverpool angeschaut habe, wie er seine Tore erzielt. Meinen Mannschaftskollegen hat das genervt, dabei habe ich ihm gesagt, dass ich mir das anschauen muss, da ich gegen Hertha BSC dann ein solches Tor erzielen werde. Nachdem ich dann das Tor erzielt hatte, hat mein Mannschaftskamerad zu mir gesagt, dass ich mir jetzt jedes Mal vorher die Videos anschauen soll. Wir haben ein wirklich tolles Spiel gemacht, dabei hatte jeder damit gerechnet, dass wir untergehen würden. Nach meinem Platzverweis habe ich vom Spielfeldrand mit gefiebert und dann pfeift der Schiedsrichter so kurz vor dem Ende der Verlängerung einen sehr umstrittenen Elfmeter. Vielleicht hat es ihm nicht gepasst, dass er sich in Neumünster im Container umziehen musste, schöne Kabinen wie in der Bundesliga gibt es dort nicht. Das war eine sehr unglückliche Niederlage damals.

„Mir war eine abgeschlossene Berufsausbildung sehr wichtig“

In deiner Heimatstadt Kiel herrscht ja gerade große Fußballeuphorie. Holstein spielt endlich wieder in der 2. Bundesliga und steht in der 2. Runde des DFB-Pokal. Bekommst du da etwas von mit und wie verfolgst du das als Kieler?
Natürlich bekomme ich das mit und schaue immer mal wieder rein, wie es bei Holstein läuft. Auch wenn ich gebürtiger Kieler bin und zwei Jahre bei Holstein gespielt habe, verfolge ich das Geschehen aber nicht anders, als wie ich alle meine ehemaligen Vereine, aber gerade auch das Geschehen in der Regionalliga West allgemein verfolge.

In der Regionalliga baut man als Fußballer ja nicht gerade so üppig vor, dass man sich nach der Karriere zurücklehnen kann. Hast du schon eine Berufsausbildung absolviert?
Ich habe mit 17 Jahren eine Ausbildung als Groß- und Außenhandelskaufmann begonnen und dann auch nach drei Jahren erfolgreich abgeschlossen. Mir war es sehr wichtig, dass ich etwas in der Hinterhand habe, wenn es mit dem Fußball nicht klappt und ich nicht mit Ende zwanzig, Anfang dreißig da stehe, vielleicht „nur“ in der Regionalliga oder 3. Liga gespielt habe und keine abgeschlossene Ausbildung habe. Ohne kommt man heutzutage sehr schlecht in Arbeit und kann Geld verdienen. Nach meiner Ausbildung habe ich dann auch zunächst in diesem Beruf gearbeitet, bis ich bei Holstein Kiel und VfR Neumünster zwei Jahre als Profi nur vom Fußball gelebt habe. Da bei Neumünster aber nur abends trainiert wurde, habe ich wieder angefangen zu arbeiten, da ich auch etwas für den Kopf brauchte. Während meiner Zeit in Lübeck wurde es mir dann aber einfach zu viel. Da war ich täglich mit Arbeit und Fußball von 7 bis 23 Uhr unterwegs, was schon eine sehr hohe Belastung mit wenig Schlaf für mich gewesen ist. Ich habe mir dann überlegt, dass ich noch einmal den Schritt in den Profifußball machen möchte und bin dann letztes Jahr mit 26 Jahren zum VfB Oldenburg nach Niedersachsen gewechselt um mich in den nächsten Jahren einfach noch einmal voll nur auf den Fußball zu konzentrieren.

Ist der Beruf des Groß- und Außenhandelskaufmann für dich eine Option nach der aktiven Zeit?
Auf jeden Fall. Ich stehe auch noch in einem guten Kontakt zu meinen früheren Arbeitgebern. Da mache ich mir keine Sorgen, nach meiner aktiven Karriere wieder zurück in meinen Beruf zu kommen.

„Hier wird körperbetonter und schneller gespielt“

Im Vergleich: Wie stark ist die Regionalliga West zur Regionalliga Nord?
Hier wird schon etwas anders gespielt. Es ist schneller und körperbetonter. Aus der Regionalliga Nord könnten hier nur drei, vier Mannschaften mithalten. Die anderen Vereine aus dem Norden würden hier im unteren Mittelfeld, wenn nicht sogar gegen den Abstieg spielen.

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Du bist körperlich robust, zweikampfstark und torgefährlich.
Welche Stärken haben wir vergessen?

Mein Kopfballspiel. Ich bin zwar nicht der Größte, würde aber schon behaupten, dass ich ein gutes Timing habe. So gewinne ich häufig Kopfballduelle gegen Spieler, die größer sind als ich. Und, ich kann mit beiden Füßen schießen.

In einer 4-1-4-1 Grundformation bekleidest du die Position des klassischen Mittelstürmers. Welche Vorgaben hast du vom Trainer auf dem Platz?
Wir alle sollen bei Ballverlust direkt wieder auf den Gegner draufgehen. Für mich persönlich ist es vorne wichtig, dass ich den Gegner richtig anlaufe. Ich hoffe, dies zur Zufriedenheit des Trainers zu machen, damit er mich auch weiter aufstellt.

In den letzten drei Regionalligajahren beim VfR Neumünster, beim VfB Lübeck und beim VfB Oldenburg hast du jeweils zweistellig getroffen. Können wir auf die Fortsetzung deiner tollen Trefferquote auch für dieses Jahr beim WSV hoffen?

Das erhoffe ich mir auch selbst. Ich habe mir keine genaue Zahl an Toren vorgenommen, die ich erreichen will. Aber mir ist es schon wichtig, meine Quote zu halten und zweistellig zu treffen. Dafür werde ich alles machen.

„Das hat uns noch ein paar Prozentpunkte mehr an Kraft gegeben“

Dein erster Treffer im rot-blauen Dress war direkt ein sehr wichtiger: Das zwischenzeitliche 1:1 beim Derby bei RWE. Wie hast du das Spiel und die Unterstützung der WSV-Anhänger erlebt?
Das war ein außergewöhnliches Spiel vor mehr als zehntausend Zuschauer, auch wenn natürlich die meisten für RWE waren. Unsere Fans haben uns in diesem zweitligareifen Stadion super unterstützt. Gefühlt habe ich es aber nach den ersten fünf Minuten so, als ob die WSV-Anhänger in der Überzahl seien, so laut waren sie. Das hat uns noch ein paar Prozentpunkte mehr an Kraft gegeben, dass wir als Mannschaft super verteidigt und superstark gespielt haben. In der Kabine haben wir hinterher davon gesprochen, dass wir als Familie gespielt und verteidigt haben. Jeder hat für seinen Mitspieler wirklich alles gegeben. Wenn mal einer von uns ausgespielt gewesen ist, war sofort der nächste da. Unsere Fans haben uns auch unterstützt, als wir zurücklagen, das war super wichtig für uns. Was man von manchen RWE-Fans nicht sagen kann, die gegen die eigene Mannschaft gepöbelt haben.

Der Saisonstart ist erfolgt. Drei Meisterschaftsspiele und ein Pokalspiel habt ihr absolviert. Wie bist du damit zufrieden?
Sehr zufrieden. Vor dem Saisonstart hätte dies jeder sofort unterschrieben, man kann auch schlechter starten. 7 Punkte aus den ersten drei Spielen sind gut, dazu noch im Pokal eine Runde weitergekommen.

Welche Ziele verfolgst du mit dem WSV?

Mein Ziel ist es sicherlich, irgendwann einmal mit dem WSV aufzusteigen.

Vielen Dank für das interessante Gespräch Christopher!